Geht da vielleicht noch mehr?

»Sie gilt als selbstbewusst bis querköpfig, war Abteilungsleiterin für Stadtentwicklung und Denkmalschutz im NRW-Bauministerium und ist seit Ende März Baustaatssekretärin im Bundesinnenministerium«. So wird Anne Katrin Bohle am 14. Mai 2019 in der Süddeutschen Zeitung vorgestellt (kostenpflichtig), nachdem sie ebendort als »Seehofers neue Staatssekretärin« schon im März anerkennend porträtiert worden war.

Nun also ein Interview mit ihr. Zunächst möchte man alles unterschreiben, was sie sagt: »Stadtentwicklung ist ein partizipativer Prozess.« »Städte sind … urdemokratische Orte der Begegnung, deshalb müssen sie Qualität haben«. »Wir brauchen Schneisen in der Stadt, damit wir die entsprechenden Luftzüge haben und keine Hitzeinseln entstehen.«

Doch zunehmend wird es finster.

Frage: »Viele Mieter fürchten sich vor Verdrängung. Was schlagen Sie vor?« Antwort: »Ich erinnere mich an Verfahren, in denen das Gericht auch Härtegründe berücksichtigt hat, etwa die Frage, ob für Mieter angemessener Ersatzwohnraum zur Verfügung steht.«

Investoren spekulieren mit Grund und Boden. Frage: »Wie kann der Staat gegensteuern?» Antwort: »Wie sollte er gegensteuern?«

Frage: Es fehlt an neuen Wohnungen. »Wie wollen Sie die Lücke schließen?« »Wir sollten uns … bemühen, auch ländliche Regionen (in denen Wohnungen ungenutzt sind) – attraktiv zu halten.«

Das ist zu wenig, Frau Baustaatssekretärin. Inmitten der Wohnungsnot reicht es nicht, sich die Dinge anzuschauen und in der aller Ruhe zu überlegen, an welchen Stellschrauben man denn vielleicht drehen könnte. Oder gar die Jahrhundertaufgabe, ländliche Regionen wieder zu beleben, als Antwort auf akute Fragen anzubieten.

Über ein konkretes Projekt erzählt Bohle geradezu mit Begeisterung. Nur: Ausgerechnet dieses ist keineswegs staatlicher Expertise zu verdanken. Frage: »Kennen Sie ein Beispiel (für nachhaltiges, qualitätsvolles Wohnen)?« Antwort: »Das Münchner Projekt „WagnisArt“ zum Beispiel. Da hat eine Genossenschaft unkonventionelle Wohnhäuser gebaut …«

Dass das in Selbstverwaltung entstandene Vorhaben vor allem auch eine Reaktion auf das Versagen der Politik ist, kam der Staatssekretärin offenbar nicht in den Sinn. Und dass Hunderte von Projekten gemeinschaftlichen oder genossenschaftlichen Wohnens schlicht an der Größe der Herausforderung scheitern, wäre eine weitere Erkenntnis, die man Bohle wünschen möchte. Sie würde ihr ein wenig klarer machen, wie groß die Notwendigkeit für kluges politisches Handeln ist.

»Alle sagen, das war richtig!«

14 Wohnungen für 20 Menschen. Der jüngste: 1 Monat alt. Der älteste: 78 Jahre. Und, wie läuft das so? »Alle sagen, das war richtig!«, heißt es in diesem kurzen Film, der jüngst über das Wohnprojekt des Gewagt e.V. auf dem Frankfurter Riedberg produziert wurde. Der Erfolg des Vorhabens verdankt sich unter anderem der Zusammenarbeit mit dem Beamten-Wohnungs-Verein Frankfurt e.G., im Dezember 2017 zogen die ersten Mieter ein.

Ein paar Zitate der Bewohner gefällig? Eine »wild zusammengewürfelte Mannschaft«, »generationsübergreifendes Wohnen«, »quasi ein Ersatz der Familie«, leben »mit dem Rückhalt einer Großfamilie«. Und: »Wir teilen nicht nur Dinge und Sachen, sondern auch Lebenszeit.«

Produziert wurde der Film von einer Werbeagentur anlässlich eines Wettbewerbs der Caritas zum Thema Gemeinschaftliches Wohnen.

»Gemeinsam unter einem Dach« – Beitrag über das Projekt in der Frankfurter Rundschau, 8.11.2018

Gewagt e.V. – Homepage des Vereins

»Gewagt wohnen« | WOHN(T)RAUM – Jeder Mensch braucht ein Zuhause
(Caritas Filmwettbewerb 2018)